Erkenntnisse

Bildungspolitische Erfahrungen

In dem zweijährigen Projekt wurden nicht nur viele Methoden-Bausteine erarbeitet und erprobt, sondern konnten auch tiefgreifende Erfahrungen über die Bedingungen und Möglichkeiten für nachhaltige kulturelle Bildungsprogramme in Kindertageseinrichtungen gesammelt werden.
Wir ziehen daraus diese sieben bildungspolitischen Schlussfolgerungen:

1.
Ohne das Grundverständnis, dass kulturelle Bildung in Kindertagesstätten mehr und anderes ist, als malen, basteln und singen, ermöglichen wir den Kindern keine ganzheitliche Entwicklung ihrer Persönlichkeiten. Es muss begriffen und erfahren werden können, dass ästhetisches Lernen die grundlegenden Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeiten schafft, mit denen die Kinder dann die in der Schule und überhaupt im Leben notwendigen Verstehens-, Kommunikations- und Kooperationsleistungen erbringen können.

Alle sollten sich stärker bewusst werden, dass Bildung nicht nur in intentional organisierten Lernprozessen, sondern vor allem auch informell passiert: durch die Raumgestaltung, bei Alltagsgesprächen, beim gemeinsamen Mittagessen - in allen Situationen ereignet sich Bildung. Und unsere Aufmerksamkeit sollte auch den Gefühlen und Werten gelten, die dabei nebenher gelernt und kultiviert werden.

2.
Eine wirksame kulturelle Bildung von Vorschulkindern benötigt gut ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen

- mit einer breiten Allgemeinbildung,

- mit einer feinfühligen Empathie für die bildende Wirkung kultureller Methoden und Medien,

- mit mehr Vor- und Nachbereitungszeit in kleinen Teams,

- mit noch mehr didaktischer Phantasie für eine stärkere Individualisierung und Differenzierung der Angebote nach unterschiedlichen Voraussetzungen bei den Kindern,

- mit interkulturellem Wissen und Sprachvermögen und

- mit Spaß am Einsatz moderner Technik und elektronischer Medien.

3.
Diese personellen Voraussetzungen können kurzfristig über berufsbegleitende Fortbildungen, langfristig nur über eine Veränderung der Ausbildungscurricula geschaffen werden. Dadurch kann bei den Fachkräften ein vertieftes Bewusstsein und eine erziehungswissenschaftliche Verständigungsmöglichkeit für die Abläufe und die Wirkung der kulturellen Bildung bei jungen Kindern erreicht werden. Ohne ein differenziertes Verständnis der Bildungsprozesse können die Kinder zwar gut versorgt und betreut, aber nicht optimal gefördert werden.

4.
Neben diesen personellen Qualifizierungen benötigt eine intensivierte kulturelle Bildung in den Einrichtungen der Vorschulerziehung einige strukturelle und organisatorische Verbesserungen:
Der ‚Personalschlüssel’ muss eine differenzierte Gruppengröße erlauben, damit eine spezielle Förderung in Kleinstgruppen ebenso möglich wird wie die Arbeit in offenen, altersgemischten Gruppierungen. Beide Sozialformen sind z.B. für eine differenzierte Sprachförderung notwendig.

Es sollten mehr männliche Bezugspersonen im Kindergarten arbeiten, damit z.B. technisch-handwerkliche Themen und Medien-Kompetenzen stärker vermittelt werden und geschlechtsgebundene kulturelle Vorlieben und Inhalte ausgeglichener als bislang Bedeutung erlangen.

5.
Natürlich benötigen kulturelle Bildungsprozesse – vor allem, wenn sie zunehmend von den Kindern selbst initiiert und gesteuert werden sollen – eine reichhaltigere Ausstattung mit Selbstlernmaterialien und Recherchemöglichkeiten, die neugierige und kreative Kinder fördern und herausfordern, z.B. Internetzugang, Computerlernspiele, naturwissenschaftliche Experimentiergerätschaften, Mediathek, Plastiken und Gemälde, Digitalkameras, künstlerisches Spielzeug.

6.
Nicht zuletzt bei unserem Projekt wurde klar, dass die effektivste und nachhaltigste Verarbeitung von Informationen durch die Umsetzung in eine eigene Gestaltung geschieht. Damit die Kinder also ihre Wahrnehmungen mit Material und ihrem Körper ausdrücken können, sollten vielfältige Darstellweisen möglich sein: dazu wird das passende Equipment benötigt, das nicht in allen Einrichtungen in ausreichender Qualität und Breite vorhanden ist: z.B. Scheinwerfer und Bühnenutensilien, Drucker und Projektionsmöglichkeiten, gute (und nicht nur selbst gebastelte) Musikinstrumente, Ausstellungswände. Damit können dann Dokumentationen, Vorführungen und Präsentationen logischer Bestandteil kultureller Lernprozesse sein. Zugleich entsteht dadurch beeindruckendes Material für eine intensivere, die Bildungsleistungen heraus stellende Öffentlichkeitsarbeit und für die Kooperation mit Eltern und Grundschule.

7.
Insgesamt kann kulturelle Bildung in Vorschuleinrichtungen nur wirksam werden, wenn die pädagogische Arbeit mit jungen Kindern in der Gesellschaft mehr wertgeschätzt wird, was sich in besserer Bezahlung und Ausbildung der Fachkräfte, mehr Ausgaben pro Kind und mehr erschwinglichen Kita-Plätzen (auch bei Firmen) zeigen müsste.


Ulrich Baer, Akademie Remscheid


Konsequenzen für die Ausbildung ziehen! Insgesamt ist eine größere Wertschätzung der Arbeit mit Kindern in der Gesellschaft notwendig.




Am Tag als sich der Himmel verdunkelte

Die bildungspolitischen Erkenntnisse in Form eines Märchens:

Ulrich Baer

Am Tag,
als sich der Himmel verdunkelte über der Kita Zwergenhaus

Alles war schön und friedlich wie immer: Die Vögel zwitscherten allerliebst in den Bäumen im Garten der Kita Zwergenhaus. Drinnen tanzten alle 25 Kinder der Sternen-Gruppe gerade einen lustigen Ringeltanz, während ein Raum weiter die 24 Kinder der Mond-Gruppe still an ihren Tischen saßen und grüne, rote und blaue Vögelchen malten. So schien dieser Vormittag wie jeder Vormittag in der Kita Zwergenhaus ruhig und nett zu verlaufen, nur hie und da unterbrochen durch fröhliches Kinderlachen.

Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Das Zwitschern der Vögel verstummte. Zog völlig unerwartet ein Gewitter auf? Nein, schlimmer!

Es war die böse PISA, die pfeilschnell aus einer besonders dunklen Wolke herniederfuhr - geradewegs durchs Dach der Kita Zwergenhaus. Sie landete etwas unsanft im Flur vor den Gruppenräumen. Da kam auch schon die Kita-Leiterin aus ihrem Büro gestürmt und blieb wie angewurzelt stehen. „Ohjee, die böse große PISA, jetzt sucht sie auch uns heim“, dachte sie gerade noch, als PISA schon mit ihrer Strafpredigt begann: „Ihr kümmert euch nicht genügend um jedes einzelne Kind. Nicht alle können gut genug die Sprache des Landes, um euch überhaupt zu verstehen. Und die Welt draußen ist voller Technik, aber ihr Mitarbeiterinnen hier habt keinen Draht dazu…“ Und so ging die Litanei weiter und weiter und die böse PISA wurde immer zorniger und wütender, und die Kita-Leiterin wurde immer kleiner und winziger. Die böse PISA fuhr fort: „Schaut euch doch in anderen Ländern um, vor allem dort, wo die Elche wohnen, da wird schon vor der Schule jedes Kind optimal gebildet. Aber hierzulande…“ Kleinlaut unterbrach die Leiterin die zeternde PISA: „Ja, ich weiß, es gibt Kinder, deren Eltern haben wenig im Geldbeutel und manchmal auch wenig im Kopf. Und diese Kinder haben viel weniger Chancen. Aber schau doch wie wir uns bemühen…“ Darauf hatte die böse PISA nur gewartet: „Nicht genug, meine Liebe. Bei weitem nicht genug“, donnerte sie. Und so ging das noch fast eine halbe Stunde weiter. Gezeter, Vorwürfe, Gejammer. Inzwischen waren die Erzieherinnen und alle Kinder durch den Lärm gestört und standen dicht gedrängt auf dem Flur um die riesige wütende PISA und die immer kleiner werdende Leiterin herum.

So wäre das wohl noch den Rest des Vormittags weiter gegangen, wäre da nicht plötzlich von der Eingangstür her in liebliches Singen und Klingen zu hören gewesen. Marie aus der Sternengruppe hatte das leise Klingeln vernommen, öffnete die Tür und herein schwebte ein fast durchsichtiges kleines Wesen, ungefähr so groß wie eine Libelle. Wir ahnen es schon – ja, es war die gute Fee Uschi, die gerne eingeschüchterten Kita-Leiterinnen zu Hilfe kommt. Fast unbemerkt von der immer noch schimpfenden und die Bildungsversäumnisse beklagenden PISA wisperte die kleine gute Fee: „Du arme bedrängte Leiterin vom Zwergenhaus, ich werde euch hier helfen…Du hast drei Wünsche frei. Und weil ich eine besonders fleißige Fee bin, sogar - dreieinhalb!“

Die Leiterin musste nicht lange nachdenken. „Ich wünsche mir vor allem mehr Personal, damit wir bei kleineren Gruppen uns um jedes einzelne Kind besser kümmern können.“ „Das sei euch gewährt.
Und dein zweiter Wunsch?“ fragte die winzige Fee. „Dann sollen uns alle Kinder kostenlos besuchen können, denn zur Schule dürfen sie ja nachher auch kostenlos! Damit erreichen wir auch alle Kinder aus armen Familien.“ „Das können wir auch machen“, antwortete die Fee, musste aber schon ein wenig heftiger mit den Flügeln schlagen. Die PISA grummelte dazwischen: „Tja, das reicht aber alles noch nicht aus.“
„Ich hab’ ja auch noch anderthalb Wünsche frei“, sagte die Leiterin schon etwas mutiger. „Der dritte Wunsch ist eine bessere Wertschätzung unseres Erzieherinnenberufs… also bessere Ausbildung und bessere Bezahlung!“ – „Oh, oh“, stöhnte die kleine Fee, „einfach wird das ja nicht, aber in unserem Land mit den vielen reichen Leuten müsste das hinzukriegen sein! Bleibt noch so ein kleiner, halber Wunsch…“

Was sollte man denn von einem halben Wunsch halten? Was könnte das denn sein? Die Leiterin der Einrichtung kam ins Grübeln. Da flüsterte ihr Erzieherin Claudia aus der Mond-Gruppe etwas ins Ohr. „Na, vielleicht wäre das doch so ein kleiner halber Wunsch“, sagte die Leiterin zur Fee, „wenn wir irgendwie regelmäßig neue Ideen für unsere Bildungsarbeit hier bekommen könnten.“
Die kleine Fee Uschi strahlte. „Ja, das ist ein passender halber Wunsch. Ich kann ihn nämlich nur weiterleiten an die Akademie Remscheid. Die schicken euch dann monatlich ihren kostenlosen Newsletter mit vielen Tipps und Tricks zur kulturellen Bildung im Kindergarten!“

Alle dreieinhalb Wünsche gingen in Erfüllung – und nicht nur im Zwergenhaus, sondern in der ganzen Stadt und etwas später sogar im ganzen Land: kleine Gruppen, alle Kindergartenjahre für alle kostenlos, bessere Bezahlung – als Nebeneffekt wurde dadurch der Beruf auch für mehr Männer attraktiv. Die Kita Zwergenhaus ging mit der nahen Grundschule zusammen und wurde das erste Kinder-Bildungshaus der Stadt. Dort hatten sie dann einen Internetanschluss, bekamen den regelmäßigen Newsletter der Akademie Remscheid und mussten sich nicht mehr vor dem Besuch der gewaltigen PISA fürchten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, arbeiteten alle fröhlich bis zu ihrer Rente mit 67.
Leider nur ein Märchen und die gute Fee Uschi trug nur rein zufällig einen ähnlichen Vornamen wie unsere Bundesfamilienministerin.